Gemeinschaft
für deutsche Studentengeschichte e.V.
StuHiTa
2006 Studentenhistoriker
tagten vom 6. bis 8. Oktober in Münster
Es gehört zum besonderen Reiz der Tagungen der Studentenhistoriker,
daß sie jedes Jahr an einem anderen Ort einer Hochschule, einer
Universitätsstadt ausgerichtet werden. Der Vorsitzende des Arbeitskreises,
Klaus Gerstein und seine Gattin warten jedes Mal mit einer Reihe von
bemerkenswerten Überraschungen auf. Die Abende auf dem Haus der
AV Zollern im CV und der Burschenschaft Franconia (DB, Bild oben) werden
allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen unvergeßlich bleiben. Regelmäßige
Teilnehmer aus Österreich und der Schweiz sind mehr als Gäste,
ein ungewöhnlich hoher Aufwand der Reise allein spricht für
sich! Nach einer Begrüßung durch die Bürgermeisterin
der Stadt Münster im ehrwürdigen Friedenssaal und einer ausgiebigen
Führung durch die Innenstadt begann die Tagung mit einem Referat
von Oscar Michatsch über Die Akademischen Wehren in Münster
1919/20'. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs war die neue Reichsregierung
entschlossen, die verfassungsmäßige Ordnung im Reich zu wahren;
das Ruhrgebiet, weitgehend in der Hand der Roten Armee, war von zentraler
Bedeutung. Auf der Grundlage des Archivmaterials aus Universität
und Generalkommando verstand es der Referent, die Befehls- und Einsatzstrukturen
aufzuzeigen. Die Studenten der Universität stellten die Akademischen
Wehren, organisiert nach ihrem Herkommen aus den Korporationen. Das
Einverständnis war so selbstverständlich, daß die Kommilitonen
aus VDSt und jüdischer Rheno- Bavaria gemeinsam eine Kompagnie
bildeten. Dieser Vortrag ließe es angezeigt sein, eine Untersuchung
über sämtliche gleichartige Initiativen durchführen zu
lassen (vor allem Freikorps Epp und Freikorps Oberland), wobei die besondere
damalige politische und gesellschaftliche Situation herausgestellt werden
sollte. Der Vortrag von Florian Hoffmann über Koloniale Propaganda
an der Universität: Der Akademische Kolonialbund (AKB)' machte
deutlich, wie bestimmte politische Kräfte auf die Studentenschaft
- hier allerdings weniger erfolgreich - Einfluß zu nehmen versuchten.
Dr. Marian Füssel mit dem aus seiner Habilitierungsarbeit verstandenen
Referat über Riten der Gewalt' (Deposition in der Universität
als Korporation von Professoren und Studenten - Pennalismus in der studentischen
Korporation nachwachsender Generationen zu homogener Lebensgemeinschaft)
gab einen tiefen Einblick in Sinn und Kraft jahrhundertelang gebräuchlicher
Initiationsriten. Wesentlicher Teil der Bildung akademischer Bürger
ist die Erfahrung von Unterwerfung unter strenge Zucht; dazu gehört
körperlich empfundenes Leid mit der Kraft zu deren Überwindung.
Marc Zirlewagen stellte die jüngst ins Leben getretene Stiftung
Deutsche Studentengeschichte' vor (Bild oben) mit ihrer Aufgabe, die
in den studentischen Korporationen unterschiedlicher Couleur aktivierten
Kräfte für Forschung und Lehre den zur wissenschaftlichen
Arbeit berufenen Hochschulen nachhaltig anzubieten. Priv.-Doz. Dr. Barbara
Krug-Richter behandelte das Thema der Hunde in der studentischen
Kultur' - bereits von Prof. W. Wippermann beim Institut für Hochschulkunde
in Würzburg erörtert, dazu auch ein schöner Kalender
des Instituts -; die im Fachbereich Volkskunde der Universität
arbeitende Referentin verstand es, den Unterschied zwischen Couleurhund'
und Studentenhund' herausarbeiten. In einer privilegierten Rechtsstellung
von Universität und ihren Angehörigen hatte der Student seinen
eigenartigen Stand zu wahren. In der Bildungsgemeinschaft Universität
Raum gebührt auch ihm sein Teil akademischer Freiheit, Stock und
Hund zu ihrem Schutz. Allgegenwärtige Verstöße gegen
bürgerliche Ordnungsnormen waren als Jugendsünde' verstanden.
Akademisch verstandene Unabhängigkeit korrespondierte mit dem Selbstverständnis
der persönlichen Verantwortlichkeit, sich zu seinem Tun bekennen
und für die Folgen einzustehen. Das Ethos führte zum Gesetz,
nicht umgekehrt.
Abschließend berichtete Klaus Gerstein über die Schwierigkeiten,
in Münster ein Corps im KSCV zu errichten. Obwohl ergänzend
zu den bereits vorhandenen Fakultäten der Theologie und der Philosophie
mit der juristischen und der medizinischen Fakultät die Universität
und so die hochschulgerechte Voraussetzung für ein Corps gelegt
war, scheiterten mehrere Versuche an verbandsinternen Querelen. Das
entschlossene Handeln des Marburger Teutonen Ludwig Gerstein, des Großvaters
des Referenten, führte das schwierige Werk zum Erfolg. Mit Geschlossenheit
in seinem Marburger Corps Teutonia, verbunden mit den beiden befreundeten
Rhenanengründercorps in Freiburg und Tübingen stellte er das
junge Corps auf klare rechtliche Grundlagen. Der schlichte Wahlspruch
"Ich wag's!" beseelt das Corps mit frohem, mutigem Sinn.
Wissenschaftler aus der Universität als fachkundige Referenten
zu gewinnen, ist mit dieser erlebnisreichen Studentenhistorikertagung
endlich gelungen. Dr.
Günter W. Zwanzig Vors. der Hist. Komm. des SB (aus:
Studenten-Kurier 4/2006)